Alexander Drößler - Journalist
My blog has moved

I decided to set up a homepage, it is also the new home of my blog. You can find my latest blogpost about Al Jazeera English who asked me to record a 40 second comment for them on journalism threats in Egypt at http://alexdroessler.de/2014/04/01/as-al-jazeera-asked-me-for-a-comment/. In the blog post I explain why I denied the question. It seems the web invites journalists to ask as many people as they can to have at least someone to participate…

Die Nachrichten sozialer machen

Was ist Journalismus? Wer sind Journalisten? Was gehört zu ihren Aufgaben? Die Antworten auf diese Fragen scheinen einfach zu sein. So wurde es mir zumindest beigebracht. Traditionell ist ein Journalist doch objektiv, er beobachtet und gibt wider. Jetzt denke ich wieder über Fragen wie diese nach.

Bei meiner Arbeit im Community Outreach Team des Columbia Missourians benutzen wir sehr viele Social Media. Wir konzentrieren uns dabei in erster Linie auf das Wort “Social”. Durch das Web 2.0 mit seinen Kindern wie Facebook, Twitter, Blogs, Instagram und vielen anderen Tools können Medien ganz anders mit ihren Lesern - oder etwas weiter gefasst - mit ihrer Community kommunizieren. Es findet keine reine Einwegkommunikation mehr statt, die der Leser höchstens durch einen Leserbrief beeinflussen konnte, natürlich mit der Redaktion als Filter. Heute kann jeder mitmachen im “Free Flow of Communication”. Journalisten können ihn beobachten, herausfischen was sie für wichtig erachten und: mitmachen. Dazu gehört mehr als nur lustige, in der Redaktion entstandende Bildchen auf Facebook hochzuladen um Likes zu erhaschen.

Dafür bieten sich vier Fragen an, die sich Journalisten stellen sollten:

1. Wer ist das Publikum für diese Geschichte?

Das Publikum einer Lokalzeitung mag in erster Linie die Breite Masse der Bevölkerung einer Stadt oder eines Landkreises sein.
Das Publikum für einen Nachruf eines gerade gestorbenen älteren Countrymusikers wohl eher nicht. Wie ein Trichter lässt sich für jedes Thema eine Kernzielgruppe destillieren. Vielleicht reden ja auch schon Leute über ein Thema?

2. Wer kann die Berichterstattung bereichern?

Bleiben wir mal bei einem Nachruf. Der enthält vielleicht ein paar Zitate von Persönlichkeiten, die den Menschen gekannt haben. Womöglich auch ein paar “Voxen”, die Stimme des Volkes. Aber mal ehrlich: Da werden die nach Wahrnehmung des Journalisten die Interessantesten herausgefiltert. Einen ganz anderen Weg ist im Herbst der Columbia Missourian gegangen: In diesem Facebook-Album sind alle eingefangenen oder eingesandten Stimmen als Fotoalbum gesammelt. Ein Blick darauf lohnt!

3. Kann ich mit meinem Thema und dem Recherchestand an die Öffentlichkeit gehen?

Klar, hochinvestigative Stücke oder Gerüchte, die überprüft werden wollen, sollten besser nicht in sozialen Netzwerken geteilt werden. Über den Post “Haben gehört, der Bürgermeister hinterzieht Steuern, weiß da jemand mehr drüber?” sollte man besser mehrfach nachdenken. Trotzdem: Crowdsourcing kann Journalismus bereichern!
Wieder ein Beispiel aus dem Missourian, diesmal aber ohne Link, weil der Artikel mittlerweile hinter einer Paywall verschwunden ist. Im vorherigen Winter gab es hier in Columbia wohl ein ziemliches Schneechaos. Weil sehr viele Unfälle passierten, es umso mehr glatte und nicht geräumte Stellen gab, aber nicht genügend Reporter, rief der Missourian dazu auf, Gefahrenstellen zu melden. Es entstand eine Google Maps Karte mit dem aktuellen Stand der Dinge. Jeder konnte einfach vom Smartphone ein Bild schicken bzw. eine Statusmeldung auf die Landkarte setzen. Das Risiko, dass Leute Unsinn eintragen, besteht natürlich. Aber seinen Lesern von vornherein zu misstrauen ist wohl nicht die beste Grundeinstellung.

4. Warum?

Oder: Was möchte ich mit meiner Geschichte erreichen? Rudolf Augstein sagte mal: “Ein leidenschaftlicher Journalist kann kaum einen Artikel schreiben, ohne im Unterbewußtsein die Wirklichkeit ändern zu wollen.” Um mitzubekommen, ob sich etwas verändern, müssen Journalisten zunächst einmal zuhören. Man könnte auch vereinfacht sagen, das Ziel ist es, Anschlusskommunikation zu erzeugen und Teil davon zu sein. Oft wird in traditionellen Redaktionsstrukturen schnell weiter mit der Tagesordnung gemacht und das nächste Thema steht an. Ohne weiter zu zu hören.

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Fulbright connects!

Vor dem Urlaub hatte ich die großartige Gelegenheit, an einer globalen Konferenz teilzunehmen und noch einen anderen Teil Amerikas kennen zu lernen. In New Orleans fand das Enrichtment Seminar meines Sponsors statt, des Fulbright Programs. Mit etwa 120 Studierenden aus aller Welt und allen Fachrichtungen habe ich mich austauschen können sowie New Orleans und Umgebung kennen lernen können.

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Das Seminar stand unter dem Thema “Climate Change and the Environment”, zu dem wir Vorträge und Diskussionen mit diversen Experten hatten, wie z.B. mit Prof. Denise Reed vom Water Institute of the Gulf. Dabei ging es jedoch nicht darum, wie der Klimawandel ggf. aufgehalten werden kann oder wie Umweltschutz effektiver gestaltet werden kann. Vielmehr haben wir darüber gesprochen, wie sich New Orleans städtebaulich verändern muss, um eine Zukunft zu haben. Der Ozean raubt dem Gebiet täglich einige Quadratmeter Land, diese Entwicklung soll vor Allem mit Hilfe des Mississippis gestoppt werden, der sich im Delta wieder ungehemmt entwickeln können soll um somit Land anzuhäufen.

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Sehr interessant war der Ausflug ins Barataria Preserve, einem Naturschutzgebiet was mit den Everglades vergleichbar ist. Dort leben verschiedenste Tier- und Pflanzenarten, unter Anderem Alligatoren, Schlangen und Frösche.

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In der Vergangenheit wurde das Gebiet leider immer kleiner, was mit der Austrocknung des Landes um New Orleans herum zu begründen ist. Genau das macht die Stadt hochwassergefährdet, die übrigens nicht direkt am Meer liegt.

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Die Bewohner von New Orleans haben noch immer mit den Folgen des Hurricanes Katrina von 2005 zu kämpfen. Auch fast zehn Jahre nach dem verheerenden Sturm sind noch nicht alle Häuser wieder aufgebaut. Wir haben uns das St. Bernard Project angeschaut, was die Häuser von Bedürftigen renoviert und dabei mitgeholfen. Paradox, dass Austauschstudenten aus aller Welt, also auch aus Entwicklungsländern die ebenfalls mit Naturkatastrophen oder Hungersnöten zu kämpfen haben, dabei geholfen haben Häuser in der reichsten Volkswirtschaft der Welt aufzubauen. Dennoch scheint in Amerika Freiwilligendienst weiter verbreitet zu sein als in Deutschland.

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Die Innenstadt ist wunderschön. Die Mischung als Wolkenkratzern und Häusern aus der spanischen bzw. französischen Kolonialzeit ist einzigartig und wirkt nicht wirklich amerikanisch. Das Nachtleben erinnerte mich allerdings sehr an die Hamburger Reeperbahn, nur ohne Nutten. Dafür mit ganz viel Livemusik, natürlich überwiegend Jazz.

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Auch für mich selbst war dieses Seminarwochenende herausfordernd. Oftmals nehmen wir von unseren Werten an, das es die einzig waren und richtigen sind. Ich bin froh, mit den verschiedensten Menschen aus den verschiedensten Kulturen über verschiedenste Ansichten und Lebenshaltungen diskutiert zu haben. Die Diskussionen zeigten mir aber auch, wie wichtig kultureller Austausch für gegenseitiges Verständnis ist. Nun kenne ich nicht nur Menschen aus fast jedem Land dieser Erde, sondern ich kann auch sagen: Ich fühle mich weniger Europäer, noch weniger als Deutscher. Ich bin viel mehr Erdenbürger. Genau das ist es, was es in der Welt ein wenig mehr braucht: Ein Gefühl für das größere Bild. Problemlösungsansätze, die nicht nur die eigenen Sorgen vermindern, sondern die Welt ein kleines Stückchen besser machen. Denn wir sind verdammt privilegiert in Deutschland.

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Semesterferien!

Es ist kaum zu glauben. Das erste Semester an der Missouri School of Journalism ist geschafft. Vor zwei Jahren hätte ich jeden verrückt erklärt, der mir gesagt hätte, dass ich jetzt hier sitzen würde um mein erstes Semester an einer der renommiertesten Journalism Schools der Welt zu resümieren. Vier Monate sind vergangen, seit ich am 7. August den Weg in die USA angetreten habe. Viel ist passiert und viel liegt noch vor mir in den kommenden Monaten bis Juni. Ein tolles Frühlingssemester und vorher eine tolle Reisezeit.

Seminar in New Orleans: Climate Change und Environment Protection

Manchmal kommt es mir so vor, als würde die Zeit rennen. Es kommt mir schon so lange vor, hier zu sein und doch habe ich “erst” die Rocky Mountains in Colorado, Washington DC und ein paar Orte in Missouri gesehen. Es gibt hier so viele tolle Orte, große abenteuerliche Städte und atemberaubende Natur. Einen Teil von beidem werde ich in den kommenden Wochen erleben dürfen. Nächste Woche fliege ich nach New Orleans an den Golf von Mexiko. Das Fulbright Enrichment Seminar kommt mir sehr entgegen, verkürzt es doch die Zeit bis Weihnachten enorm. Da hier Ende nächste Woche quasi alle Studenten zu ihren Familien quer in die Staaten zurückkehren, wäre es doch recht einsam. So kann ich nun vier Tage mit etwa 120 anderen Fulbright-Stipendiaten aus aller Welt über Climate Change und Environment Protection diskutieren und hautnah erleben, was dazu an der Küste Louisianas, die regelmäßig durch Hurricanes geschädigt wird, passiert. So wird die Zeit sicherlich schnell vergehen, bis ich mein persönliches tolles Weihnachtsgeschenk am Flughafen in Chicago abholen kann. Damit geht’s dann Silvester nach Miami, wo wir eine Rundreise zu den Everglades und auf die Keys machen werden. Ich kann kaum in Worte fassen, wie sehr ich mich darauf freue! Und das sage ich nicht bloß, weil da unten mindestens 25°C und nicht -14°C wie hier jetzt sein werden.

Von Media of the Future und Participatory Journalism

Am 13. Januar geht schließlich mein neues Semester los. Zumindest so halb. Eigentlich hätte ich ja gerne den semesterlangen Kurs in Computer-Assisted-Reporting gemacht, aber ich habe wohl keine Chance, dort reinzukommen. Schließlich ist der nahezu einzigartig und der Dozent ein absoluter Crack. Statt des Kurses kann ich zumindest an einem einwöchigen Bootcamp teilnehmen, in dem die gleichen Inhalte vermittelt werden sollen. Dafür gibts zwar keine Leistungspunkte für die Uni, aber das ist mir egal. Geht schließlich um die Inhalte. Die bekomme ich in der Form nur hier. Insgesamt fokussiere ich mich im kommenden Semester auf neue Medien. Ich freue mich drauf, in “Participatory Journalism” Konzepte von Publikumsbeteiligung kennen zu lernen auszuprobieren. Hauptfragen des Kurses: Wie können Journalisten authentisch ihr Publikum erreichen? Wie können wie es in journalistische Prozesse einbinden und wie kann Journalismus davon profitieren? Es geht um sich verändernde Rollenmodelle in einer sich wandelnden Medienwelt oder wie der Journalist vom Gatekeeper zum Gatewatcher wird. Das Schöne ist, dass hier nicht bloß Theorien und Forschungsstände behandelt werden. Ich werde im Rahmen des Kurses in der Redaktion der Lokalzeitung Columbia Missourian arbeiten, als Teil des Community Outreach Teams. Das bedeutet vor allem, aber nicht nur, mit Social Media zu experimentieren. Ich werde auch wieder an einer Business-Class teilnehmen. In “Entrepreneurship und Media of the Future” geht es darum, zusammen mit Journalism und MBA Studenten ein neues Geschäftsmodell für Unternehmen wie die AP, Bloomberg, NPR oder ein Start-up zu entwickeln. Schließlich werde ich auch noch weiter an meinen Journalism Skills arbeiten und im Kurs “Global News Across Platforms” für The Global Journalist Magazinbeiträge, Online Content und Radiobeiträge erstellen. Dabei geht es vordergründig um globale Medientrends und Pressefreiheit. Bei diesen Kursen ist der Unterschied zum deutschen Journalistik-Studium besonders deutlich erkennbar. Wo wir in Hamburg in Seminaren recherchierten, filmten und Texte schrieben, so machen wir das hier in professionellem und tagesaktuellem Umfeld für normale Produkte. Es ist einzigartig, wie die Missouri School of Journalism mit Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern und Start-Ups zusammenarbeiten oder sie selbst betreibt. Das würde ich mir auch in Deutschland wünschen. Finanziell tragen sich die von der Uni betriebenen Unternehmen selbst, wie z.B. die Lokalzeitung. Ich habe den Eindruck, dass die Verzahnung von Theorie, Forschung und Praxis hier auf einem anderen Niveau ist, als an deutschen Journalistik-Fakultäten.

Globalization: The Post American World

Dieses Wintersemester hatte ich mich bei der Kursauswahl in erster Linie an meinem Studienplan in Hamburg orientiert. In “International News Media Systems” habe ich kennen gelernt, wie Journalismus in anderen Kulturen gemacht wird und an welchen Leitbildern er sich orientiert. Interessant dabei war, dass wir eine bunte Gruppe aus amerikanischen, europäischen und asiatischen Studenten waren und zudem jede Woche ausländische Journalisten zu Gast waren oder per Skype zugeschaltet wurden. So konnten wir z.B. mit einem dänischen Russlandkorrespondenten über Arbeitsbedingungen für Journalisten unter Putin diskutieren oder mit einem kenyanischen Journalisten über die Berichterstattung des Terroranschlages in der Westgate Mall sprechen. Ein weiterer Schwerpunkt des Kurses war Globalisierung. Für mich war es sehr spannend, dieses Thema aus amerikanischer Perspektive kennen zu lernen. Wer mehr darüber wissen möchte, dem lege ich Fareed Zakarias Buch The Post American World sehr ans Herz. Der CNN- und Time-Magazine-Journalist diskutiert darin die zukünftige Rolle der USA in Konkurrenz mit aufstrebenden Ländern wie China und Indien sowie der Europäischen Union. Positiv sehr überrascht hat mich mein Kurs in “Media Ethics”. Hatte ich vor Allem eine theoretische Auseinandersetzung erwartet, so ging es in erster Linie um das Rollenverständnis von Journalisten, deren Rechte Verpflichtungen und was daraus resultiert. Dabei ging es nicht darum, zu schauen, was rechtlich erlaubt ist und was nicht. Vielmehr diskutierten wir darüber, wie Medien funktionieren sollten und warum - oder warum nicht.
Außerdem habe ich in diesem Semester einen Business Plan geschrieben und eine eigene Geschäftsidee entwickelt. Zum Kurs “Journalism and Chaos - how to understand and cover 21st century business models” gehörte auch die Reise nach Washington mit zahlreichen Redaktionsbesuchen um dort über die Finanzierung und Veränderung von Journalismus zu diskutieren.

Von jetzt auf gleich: Mentalitätsunterschiede

Natürlich habe ich hier nicht nur in der Uni gesessen und studiert. Ich habe Land und Leute näher kennen gelernt. Das mache ich auch weiterhin. Mittlerweile verstehe ich besser, wie die Amerikaner sind und wieso sie so sind. Ich habe viele interessante Menschen kennen gelernt. Dazu gehören tolle, nette Menschen, die ich mittlerweile zu meinen Freunden zählen kann. So wurde ich zum Beispiel von einem meiner Freunde nach Hause zum Thanksgiving-Dinner mit seiner Familie eingeladen. Es war ein tolles Erlebnis, an so einem Familienfest teilnehmen zu dürfen. Diese Herzlichkeit der Amerikaner weiß ich sehr zu schätzen. Vor Allem, wenn man einfach mal spontan von der Mutter umarmt wird, weil man deutsche Weihnachtskekse als Gastgeschenk mitgebracht hat. Ich habe äußerst weltoffene und kritische Amerikaner kennen gelernt, mit denen ich stundenlang über alles Mögliche diskutieren kann. Auch das ist etwas, was dieses Jahr hier ausmacht. Interessant ist, dass jeder hier einen unterschiedlichen Migrationshintergrund hat. Das ist es wohl, was diesem Land ein so großes und stolzes Nationalgefühl verleiht, auch wenn viele junge Amerikaner derzeit eher enttäuscht und frustriert von dem sind, was in ihrem Land passiert. Ich hatte und habe aber auch Schwierigkeiten mit der amerikanischen Mentalität. Oft ist es nicht einfach zu erkennen, ob Freundlichkeit wirklich ernst gemeint ist und von Herzen kommt, oder es sich einfach nur um oberflächliche Höflichkeit handelt. Auch das gewisse “von jetzt auf gleich leben” war zunächst nicht ganz einfach für mich. Amerikaner können sehr spontan sein. Es kann sein, dass man sich mit fünf verschiedenen Leuten auf ein Bier verabreden muss, damit es mit einer Verabredung klappt. Die deutsche Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit gibt es hier so nicht. Mit der Zeit lernt man aber, damit zurecht zu kommen. Ich hoffe aber, dass ich in den nächsten Monaten nicht zu viel adaptiere ;)

Thank You for the Unique Possibility

Jeder Moment hier ist einzigartig. Ich versuche, jeden einzelnen davon so gut es geht zu genießen. Ich bin unendlich dankbar, hier sein zu dürfen. Ohne diese tolle Vereinbarung, die 1952 zwischen der Amerikanischen und der Deutschen Regierung geschlossen wurde, wäre das nicht möglich. Niemals könnte ich ohne Fulbright knapp 30 000 Dollar für ein Jahr Studium in den USA aufbringen. Danke! Mal schauen, wohin der Weg mich noch führt…

Mehr Medienethik wagen

Momentan wird mit dem Regener Landrat Michael Adam die nächste Sau durch’s Dorf getrieben. Er hatte Sex in seinem Büro und nahm dabei auch noch Poppers, eine Sexdroge, die häufig von Homosexuellen konsumiert wird. Ich möchte nicht darüber spekulieren, was passiert wäre, wenn Michael Adam nicht schwul wäre. Das haben Andere schon gemacht. Ich möchte auf ein Zitat von Kuno Haberbusch hinaus, einen Satz, den er auf der diesjährigen Konferenz von Netzwerk Recherche gesagt hatte: „Journalisten legen Maßstäbe an, die sie oftmals selbst nicht einhalten.“ Der Bericht zur Veranstaltung über Medienhetze fasst weiter zusammen: “Auch Hans Leyendecker forderte etwas weniger Selbstgerechtigkeit unter den Kollegen. Diesmal widersprach ihm niemand.” Dabei ist vor Allem der letzte Satz interessant. Denn täglich grüßt das Murmeltier. So ist es nach Wulff und Hoeneß jetzt der Regionalpolitiker Michael Adam, über den gerichtet wird. Zugegeben: Eigentlich ist es nur ein Verlagshaus, was richtet. Die Zeitungen mit den vier Buchstaben aus dem Springer-Haus sind ganz vorne dabei. Scheinbar so weit, dass sich der Landrat genötigt sieht:

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Das Zitat stammt übrigens von Bild.de. An diesem Beispiel wird erneut deutlich, was wir in der deutschen Medienlandschaft und Journalistenausbildung dringend brauchen: Mehr Diskussionen über Medienethik. Mir scheint, als wird sehr viel darüber gesprochen, was erlaubt ist, und was nicht. Im Gegensatz dazu aber nicht über ethische Fragen. Da scheint die amerikanische Journalistenausbildung der Deutschen einen Schritt voraus zu sein. Es ist wichtig, über die Rechte, Rollen, Verantwortungen und Plichten von Journalisten zu reden. Damit ist nicht bloß gemeint, “soll ich, oder soll ich nicht?” Es sollte eher eine andere Frage im Vordergrund stehen: “Warum?”

Warum sollten Journalisten diese und jene Recherchemethoden besser nicht anwenden - oder warum doch?
Warum sollten Journalisten ihre Quellen schützen - oder warum in gewissen Fällen nicht? 
Warum sollten Journalisten mögliche Interessenskonflikte thematisieren - oder warum nicht?
Warum sollten Journalisten die Öffentlichkeit über das Privatleben von Prominenten informieren - oder warum nicht?
Warum sind Journalisten in erster Linie ihrem Publikum verpflichtet - oder warum nicht?

Um solche Fragen zu beantworten, wird bewusst oder unbewusst meistens auf ethische Theorien zurückgegriffen, von Aristoteles, Kant oder anderen heute eher angestaubt wirkenden Theoretikern. Aber sich mit Fragen wie diesen auseinanderzusetzen, hilft besseren Journalismus zu machen. Das Verständnis vorausgesetzt, dass Journalismus dem Publikum dienen sollte - im Fall von Michael Adam müsste die Frage dann meiner Meinung nach lauten: Inwiefern hilft die Information, mit wem der Landrat wo Sex hat, dem Publikum, was in diesem Falle die Wähler in Regen im Bayerischen Wald sind, seine politische Arbeit zu beurteilen?

Was der Verkauf der Washington Post an Jeff Bezos bedeutet:

Eine weitere Station meines Trips nach Washington DC vor einigen Wochen war die Washington Post. Wenige Wochen zuvor war der Verkauf des Blattes an Amazon-Gründer Jeff Bezos bekannt geworden. Eine derart traditionsreiche Zeitung im Besitz eines großen Unternehmens, dass wie wenige andere sinnbildlich für Erfolg im Digitalgeschäft steht, sorgte auch in der Redaktion für Wirbel. Der neue Eigentümer sollte keine Verlegerfamilie oder ein bekanntes Medienunternehmen sein, sondern zu einem Online-Kaufhaus gehören. Kann das gut gehen?

Die Kunden zuerst, Innovtion und Geduld

Ja, sagt Greg Schneider, National Economy and Business Editor bei der Wash Post. Seiner Meinung nach blieb blieb den vorherigen Eigentümern gar nichts anderes übrig, sollte die Post erfolgreich bleiben. Sie hat wie die meisten amerikanischen Tageszeitungen mit Umsatzeinbußen zu kämpfen. Für Schneider waren die alten Inhaber schlicht nicht mehr innovativ genug: “Sie hätten weiter sparen und weiter Journalisten entlassen können, aber das hätte irgendwann das Ende bedeutet.” Stattdessen gingen sie einen neuen Weg und verkauften an Jeff Bezos. Der steht für Weltklasse. Sein neuer Weg beinhaltet laut Bezos die drei Ansätze, die auch Amazon groß gemacht hätten: Die Kunden zuerst, Innovation und Geduld.

Augmented Print Experience

Was die Kunden tatsächlich wollen, scheint bei vielen Medienunternehmen  auf der Strecke geblieben zu sein. Anders kann ich mir deren leider häufige Innovations- und Transformationsresistenz nicht erklären. Bezos will das bei der Washington Post ändern. Greg Schneider kann sich vorstellen, dass das Blatt technologisch von Amazon lernen kann. Wer ein eigenes Tablet baut, der wird auch wissen, wie dafür optimal Inhalte geschaffen werden können. “Augmented Print Experience” nennt Schneider das, was die stärkere Verknüpfung vom digitalen Angebot mit der Zeitung meint. Um wieder kostendeckend zu arbeiten, hat die Washington Post sieben Jahre Zeit.

Hyperjobs für Digital Natives

Währenddessen müssen auch die angestellten Journalisten mit Veränderungen in ihrer Tätigkeit rechnen: “Nur ein Printreporter zu sein, ist ein zurückgehendes Geschäft.” Ein Hyperjob sei das, was Journalisten zukünftig mit Social Media, Print, Audio, Video und Foto können sollten. Deshalb sei eine gute Ausbildung umso wichtiger, die Jobmöglichkeiten aber auch umso besser. Schwarzsehen tut Schneider für die Chancen junger Journalisten nicht, denn: “Sie können kein Blog mit alten Journalisten starten. Dafür brauchen Sie die Digital Natives.”

Weiterhin kritische Recherche - auch über Amazon

Auch die sollen zukünftig bei der Washington Post für großartige Recherche stehen. Den neuen Eigentümer sieht Greg Schneider dabei nicht als Hindernis: “Klar werden wir weiter kritisch über Amazon berichten! Jeff Bezos hat klar gemacht, dass er sich nicht ins Tagesgeschäft einmischt. Und glauben Sie mir, es war seit jeher nicht einfach, über Amazon zu recherchieren. Das wird sich auch nicht ändern.” Man müsse schließlich unterscheiden: “Die Washington Post gehört nun zu Jeff Bezos - aber nicht zu Amazon.” Die Redaktion werde aber künftig über die Eigentümersituation informieren, wenn sie kritisch über den Online-Versand berichtet.

Hello Big Brother - What “Merkelphone” means for the U.S - German Relationship

It feels strange today to live in the United States as a German. To live in a country which probably monitors all the electronic communication you do, even if it analyzes it or not. To live in a country which secret services are able to monitor all online or phone communication. A country that does not recoils to monitor the government leaders and presidents of other countries. Okay, one could expect that from enemy countries. But not from friends. It is nearly safe the U.S. secret services monitored or monitor the communication of the the german government including chancellor Angela Merkel and 34 other countries. German media are upset in a way I have never seen before. Even conservative editors who mostly have a pro american view point out the political explosive force of this topic. They ask: Are we an enemy of the U.S? Even the main German news TV-show “Tagesschau” doubts the friendship between Germany and the U.S. by calling them our “allegedly american friends”.

After months Merkel starts acting

It all began yesterday when chancellor Angela Merkel called president Barack Obama and expressed her anger. Now, after the german election campaign is over Merkel and her government stand there dump for they scotched the discussion about privacy policy a few weeks ago with pointing out that no german law is hurt by the U.S secret services. Why? Because Angela Merkel had “no reason to distrust” the NSA and president Obama. Now she has. When the scandal reached Merkel she gave up her naive attitude about the american behavior. For the first time in history the german government summoned the U.S embassador, which is a hard diplomatical decision especially when countries have a peaceful and friendly relationship like Germany and the U.S have. Merkel worked close together with Obama who just pointed out he calls her when she wants to know her attitude. Their common goal is to prevent terroristic attacks, as well as the secret services of the countries work together to prevent them. This might be the official reason for spying on other countries - and one reason for Merkels naive behavior during the last weeks. At least the german police could only prevent a few terroristic attacks because of hints the U.S secret services gave. But this cause doesn’t count anymore.

A world wide war on data

As the german public broadcast documentation “World Wide War” points out, we are at war. At an invisible cyber war with the goal to get as much as data as possible to be able to do better economical and political decisions. It is much easier to negotiate when you know what your opposite exactly wants and is able to do, for example if the topic is an economic free trade zone between the U.S. and Europe. Furthermore you can support your local economy when you know the strenghts, weaknesses and developments of foreign companies. It seems unrealistic that Barack Obama does not know what the NSA and other services do. Instead it probably fits to his current strategy in foriegn politics. Maybe this is the way the U.S. deal with global economic changes, in a time when countries like China, Brazil or India rise and threaten the U.S. status as the only global super power. Maybe it is their way to defend their position. To be fair it is not clear whether nearly every country spies on other countries for economical and political reasons. Probably it is usual in todays digital world. Who knows where Germany spies for which reasons? Nevertheless it is the american secret service NSA who is criticized and not a german. The german public is upset about these spyings, maybe because of the unbelivable imagination that the U.S monitors Germany. The idea that Germany could also spy on other countries is just more unbelivable. Finally we have to be thankful to Edward Snowden to leak all this information. We needed the debate about privacy after all the technological developments of the last decade which totally changed our way to communicate.

We need a stronger European Union

In the U.S. editors worry more about the fact that Merkel called Obama than their secret service monitors world leaders communication. Instead of asking more questions they try to play down the german commotion. It would have historical reasons that germans are more upset about monitoring and spying. Though they began to ask themselves which impacts this newest developments could have for the U.S. and its relationship to other countries who could start to see the U.S. more as an aggressor than as a friend like other countries already do for historical reasons. Certainly the E.U. begins to pay more attention to privacy policy. Just a few days ago the E.U. parliament voted to stop the swift agreement with the U.S. which allows the U.S. to monitor bank data of european citizens in case of terror suspect. The politicians said the U.S. seems to abuse its rights in this agreement. Another impact could be the planned free trade agreement. Former german chancellor candidate Peer Steinbrück of the Social Democrat Party claimed weeks ago the E.U. should stop the negotiations until the NSA issue is solved. What seemed overcareful looks now totally true. The whole issue could have one positive impact from my european point of view: Maybe it helps Europe to speak and act more with one united voice. Only a strong European Union can compete with the U.S. and other growing markets and countries like China, Russia or India. In this rare case, all countries have the same opinion. However, the issue lets a big mistrust between countries grow. It will take a while until the former trust is restored. What we personally learn: Maybe it is better to send pigeons to communicate if we don’t want others to monitor.

Nach vorne denken - US-Medien und deren Strategien: Politico

SZ-Online Chef Stefan Plöchinger schrieb vor Kurzem acht Thesen zur Zukunft des Journalismus auf: Medien sollten ihre eigenen Qualitäten erkennen, eine eigene Vision entwickeln, eine eigene Multi-Marke bauen, Ideologien widerstehen, neue Strukturen für neue Chancen schaffen, Veränderung als Dauerzustand akzeptieren, Vordenker fördern sowie die Leser ernst nehmen. Während in Deutschland darüber diskutiert wird, gibt es in den USA Medienhäuser, die genau das praktizieren. Politico schon seit sieben Jahren.

Acht Thesen - Politico hatte sie schon 2006

Politico ist eines davon. Vor einigen Wochen habe ich mich dort umgeschaut und mit Bill Nichols, dem Editor-at-Large und früherem Managing Editor gesprochen. Nachdem die zwei Politik-Redakteure Jim VandeHei und John F. Harris von der Washington Post unzufrieden mit der Onlinestrategie der Zeitung waren, machten sie einfach ihr eigenes Ding. Im Herbst 2006 entstand so Politico als neues Multimediaangebot mit 50 Mitarbeitern. Heute sind es über 300. Die eigenen Qualitäten mit der Vision, Nachrichten in Echtzeit zu veröffentlichen, machten Politico zur Gründung 2006 einzigartig. Welches Medienhaus hatte zu dem Zeitpunkt schon das Prinzip “web comes first” auf dem Schirm? Mit Politikberichterstattung rund um den Capitol Hill hatten die beiden Journalisten ihre Nische gefunden - dennoch auf verschiedenen Plattformen. Gibt es neben dem Onlineangebot mit “The Politico” eine Tageszeitung, so verbreitet das Unternehmen seine News auch via Radio und TV. Egal auf welchem Weg, die zentrale Frage, die sich jeder Journalist dort stellt, lautet: “How is this story special, exclusive?” Leitsatz der Redaktion ist, Inhalte zu bieten, die der Leser nirgendwo sonst bekommen kann und die interessant sind: “If we can’t bring something special, we don’t reach the audience.” Die Reporter sind daher angehalten, immer darüber nachzudenken, “how we can monetize this.” Bill Nichols sieht sie als “franchisers”.

So viele Einnahmequellen wie möglich

Dass es nur mit Werbung und Paid Content schwierig sein kann, in Zukunft Geld zu verdienen, war bei Politico von Anfang an klar: “We need as many ways to monetize as we can.” Zwar nimmt das Unternehmen momentan noch knapp 50% des Umsatzes mit der Tageszeitung ein, doch die Tendenz ist sinkend. Daneben ist das wichtigste Standbein das Subscription-Model “Politico Pro”. Wer mehr als die Basics wissen will, muss zahlen. Ansonsten gilt vor allem mobil: “People don’t want a 10.000 word piece - they want just the important news.” Politico holt inzwischen gut die Hälfte seines Traffics durch Aufrufe von Smartphones und Tablets. Die App ist übrigens kostenlos, da sie zunächst die kostenlos verfügbaren Inhalte der Website aggregiert. “Politico Pro” bedeutet auch, weitere Nischen zu besetzen. Mit Ablegern zu Themen wie Health Care, Energy, Trade, Financial Services oder Agriculture macht das Unternehmen sein Geld. In jedem dieser Bereiche gibt es eine genaue Zielgruppe, die bereit ist, für die Inhalte zu bezahlen. Zudem geht in Kürze ein Magazin an den Start, um auch “long-form journalism” im Portfolio zu haben. Weitere Einnahmequellen sind Events, die rund 10-15% des Umsatzes ausmachen oder versponsorte morgendliche Newsletter, die vor Allem Mitarbeiter des Congress beziehen würden.

Ständig auf der Suche nach neuen Einnahmequellen

Derzeit sind die rund 60% der Leser in Washington DC zu finden, weniger, als zunächst angenommen. So sind es nicht nur Politiker und Regierungsmitglieder, sondern auch Leute, die mit Regierungsthemen zu tun haben und in den verschiedensten Berufsfeldern und an den verschiedensten Orten inner- und außerhalb der USA zu finden sind. 10% des Publikums machen Seitenaufrufe außerhalb der USA aus. Stillstand gibt es bei Politico nicht. Anstatt sich nur auf die Berichterstattung am Capitol Hill zu konzentrieren, hat das Unternehmen New York City als neuen Markt für sich entdeckt. Nicht zuletzt wegen den U.N.
Beeindruckend wirkte auf mich die Grundhaltung bei Politico. Den Pessimismus, den ich bei deutschen Verlegern häufig zu sehen meine, gibt es dort nicht. Stattdessen überlegten sich die Redakteure von Beginn an, wie sie die Gratiskultur im Internet verändern können und wie sich mit den verschiedensten Wegen Geld verdienen lässt. Denn Journalismus ist jetzt vielleicht spannender als nie zuvor: “Don’t believe journalism has its best times behind!”

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Das war Teil 1 meines Washington-Reiseberichts. In den nächsten Tagen folgen noch Berichte der Redaktionsbesuche bei der Washington Post, Politifact, CNN, Bloomberg und McClatchy/Hearst.

American New Media Business Models: Was deutsche Verleger daraus lernen können

In dieser Woche hat Cesca Antonelli, die Redaktionsleiterin des Bloomberg TV Studios Washington DC einen Gastvortrag in meinem Kurs gehalten. Ich denke, von ihren Gedanken können sich deutsche Verleger, Chefredakteure und Medienmacher etwas abgucken. Die totale Publikumsorientierung soll das Erfolgsrezept amerikanischer Medien sein.

Zunächst ein eher allgemeiner Gedanke für ein gutes Medienangebot und ein funktionierendes Geschäftsmodell drum herum: Das Allerwichtigste ist es, sein Publikum genau zu kennen. Für wen mache ich mein Medienangebot? Warum sollte der Konsument ausgerechnet zu mir kommen? Ebenso wichtig ist es, das eigene Produkt bestens zu kennen. Eine zentrale Frage ist dazu, wie das Publikum mein Newsprodukt konsumiert. Problematisch kann es für ein Geschäftsmodell werden, wenn es einen Unterschied zwischen denen gibt, die für den Journalismus bezahlen und denen, die ihn lesen. Das ist ja momentan mit dem rückläufigen Anzeigengeschäft nicht neu zu beobachten.

Amerikanische Verleger haben mit drei unterschiedlichen Wegen auf diese Entwicklung reagiert:

1. Digital First:
Einige Zeitungen haben ihr Konzept so ausgerichtet, zunächst für das Digitale zu produzieren und am Ende daraus eine Zeitung für den nächsten Tag zu machen. Damit sie Geld verdienen können, sind sie vor Allem auf Scoops angewiesen, um genügend Besucher auf ihre Internetseite locken zu können. Laut Antonelli seien Scoops wichtiger, als tiefgehende Analysen. Die liefern auch eher Wochenzeitungen. Zentrales Element der Strategie ist Social Media, um vor allem junge Leute zu gewinnen, die keine Lust haben, jeden Tag die Internetseite von Zeitungen aufzurufen und ihre News lieber durch Facebook, Twitter etc. erfahren. Man kann sich allerdings die Frage stellen, ob diese Strategie das Medium Zeitung nicht komplett überflüssig macht. Wozu sollte der Leser noch die Zeitung kaufen, wenn er alles auf der Internetseite findet? In den USA konsumieren 2013 mehr Menschen digital ihre Nachrichten, als über andere Medien.

2. Premiummarken:
Die New York Times wird gelesen, weil sie die New York Times ist und einen unheimlich hohen Markenwert hat. Zeitungen wie sie setzen auf Paywalls und eine tolle, “snazzy”App, mit der sich Geld verdienen lässt. Sie setzen darauf, dass der Leser zu ihnen kommt, weil sie das beste Produkt haben. Dabei kann man sich fragen, ob sie auch schnell genug sind, oder ob der Leser die aktuellsten Nachrichten nicht doch schon woanders gelesen hat und den Mehrwert durch eine tolle App oder besonders schön ausgearbeitete und dargestellte Geschichten dann doch nicht so groß ansieht. Der Markt dafür scheint aber da zu sein, wenn sich Medienmacher einmal genau fragen, wie die Leser die Nachrichten aufbereitet haben möchten.

3. Nischen:
Nach dem Grundsatz “as the internet gets bigger, smaller ideas get better” bietet das Internet Raum für Nischenprodukte. Warum nicht ein Onlinemagazin über amerikanischen Hochschulsport eröffnen? Ein gutes Beispiel in Deutschland ist das Onlineportal www.liga3-online.de. Ein paar junge Menschen vermissten in Kicker, Sportbild etc. Berichte zur dritten Liga und machen sie nun einfach selbst. Was als kleines Blog anfing, hat nun eine beachtliche Reichweite. In den USA wird auch hier mit Paywalls experimentiert. Wenn die Einzigartigkeit nur groß genug ist und das Medium auch Scoops produziert, warum sollten Leute nicht dafür bezahlen?

Ein besonderes Geschäftsmodell haben beispielsweise das Politmagazin Politico (www.politico.com) und der TV-Sender Bloomberg, der vor allem auf weltweite Wirtschaftsnachrichten setzt. Politico macht sein Geld mit wechselnden Modellen und einer Mischung aus Web, Print (was nach Antonelli aber eher Marketing für den Rest zu sein scheint), Alerts, Newsletter und Abonnenten. In Zukunft probieren sie sich wohl auch in weiteren Nischen aus, mit PoliticoPro Education wollen sie zum Beispiel Bildungsthemen besetzen.
Bloomberg hingegen verdient das meiste Geld mit sogenannten Bloomberg Terminals. Dahinter steckt ein Computersystem, was Wirtschafts- und Finanzdaten live analysiert und z.B. von Banken und Versicherungen erworben wird. Das hatte allerdings zur Folge, dass es Bloomberg während der Bankenkrise nicht besonders gut ging.

Egal welches Mediengeschäftsmodell einen derzeit zum Erfolg führt, eines sollte sich jeder Medienmacher wohl permanent fragen: Funktioniert mein Geschäftsmodell morgen auch noch?

Was die Missouri School of Journalism zu bieten hat und warum ich was belege…

Entdecke die Möglichkeiten!

Die School of Journalism bietet für Graduate Students etwa 80 verschiedene Seminare an. Das ist mit deutschen Journalistik-Studiengängen überhaupt nicht vergleichbar. Im Prinzip gibt es hier nichts, was es nicht gibt. Da ist es gar nicht so einfach, sich für drei Seminare zu entscheiden. Ich belege in diesem Semester Media Ethics, Journalism and Chaos und International News Media Systems. Es gibt Spannenderes, könnte man da sagen. Ja, gibt es tatsächlich. Einiges… Allerdings muss ich darauf achten, dass ich mir einige Seminare in Hamburg anrechnen lassen kann. Dort müsste ich im dritten Semester Ethik und internationale Mediensysteme machen. Ganz ehrlich: Ethische Theorien und deren praktischer Bezug sind auf Englisch echt nicht so einfach und auch relativ langweilig.

Chaotische Zeiten - Zeit für neue Modelle?

International News Media Systems ist dagegen echt interessant. Mein Professor lädt jede Woche einen Gast ein, der entweder tatsächlich zu uns in die Vorlesung kommt, oder per Skype erzählt, wie Journalismus in seinem Heimat- oder Arbeitsland funktioniert. Bislang hatten wir Journalisten aus Malaysia, China und Georgien da, Donnerstag sprechen wir mit jemandem aus Nigeria.

Der Seminartitel Journalism and Chaos klingt erstmal ein wenig seltsam. Aber seltsam und chaotisch ist ja auch die Zeit, in der wir (also wir Medienmenschen) uns gerade befinden. Zeitungen werden eingestampft, Agenturen machen dicht, und so weiter und so fort. Im Gegensatz zu uns Deutschen sind die Amerikaner aber sehr fleißig am rumexperimentieren und suchen neue Wege, um mit Journalismus in welcher Form auch immer Geld zu verdienen. Wie das funktioniert (oder funktionieren könnte) und was es heißt, ein Entrepreneur zu sein, ist Thema dieses Kurses. In diesem Rahmen fahre ich auch in zwei Wochen nach Washington, um dort bei Unternehmen wie Bloomberg, CNN, Washington Post und anderen zu erfahren, wie sie mit wandelner Mediennutzung und veränderter Einnahmesituation umgehen. Das Seminar kann ich mir im Wahlbereich in Hamburg anrechnen lassen.

Mein erstes Semester in Missouri ist also sehr vorlesungsorientiert. Eines weiß ich jetzt schon: Das nächste Semester wird anders. Ich könnte zwar weiter strikt nach dem Hamburger Modulplan gehen, aber das wäre verschenktes Potenzial. Da studiere ich dann doch lieber noch ein Semester länger.

Drohnen, Data- und Participartory Journalism

Es ist einfach unglaublich, welche Möglichkeiten es hier gibt, meine journalistischen Fähigkeiten zu erweitern und zu verbessern. Es ist überhaupt kein Problem, neue Dinge auszuprobieren und zu lernen, die in Deutschland momentan undenkbar ist. Es gibt zum Beispiel ein Seminar, in dem die Teilnehmer lernen, eine Drohne zu steuern. Die Drohne kann Bild und Tonaufnahmen machen und eröffnet somit völlig neue Erzählperspektiven.

Zwei weitere Felder, die mich sehr interessieren, sind Computer Assisted Reporting und Participartory Journalism. Computer Assisted Reporting meint Datenjournalismus, der meiner Meinung nach ein großes Potenzial für journalistiche Onlineangebote besitzt: Weg vom ewigen Personalisieren, hin zur Geschichte hinter großen Datenbänken oder die Verknüpfung von Beidem. Natürlich nicht in total textlastiger Darstellung, denn das Internet sollte viel mehr bieten als eine Zeitung zum ausdrucken. Das haben viele Verleger leider noch nicht für sich entdeckt. In Deutschland experimentieren ja vor allem der Spiegel und die Süddeutsche mit Datenjournalismus, ansonsten passiert da noch nicht viel. 

In Participartory Journalism geht es um die veränderte Beziehung des Journalisten zum Publikum. War ein Journalist früher lediglich ein Gatekeeper, so ist er doch immer mehr zum Gatewatcher geworden. Wie können Mediennutzer am journalistischen Prozess und am Endprodukt teilhaben? Führt das zu besserem Journalismus? Wenn ja, wie?

Ein anderer interessanter Bereich ist Convergence Journalism: Wie lassen sich Geschichten durch das Zusammenspiel von Text, Video, Bild und Ton besser darstellen? Worauf kommt’s dabei an?

Seminare in Zusammenarbeit mit lokalen Medien

Das Tolle hier in Missouri ist, dass diese Kurse sehr praktisch sind. Klar, Praxis gibt es auch in den Hamburger Seminaren. Hier jedoch wird gleich darauf geachtet, dass möglichst alles veröffentlicht wird. Deshalb arbeitet die Uni mit den lokalen Medien in Columbia zusammen. Dazu gehören zum Beispiel ein regionaler TV-Sender, ein lokaler Radiosender, eine Lokalzeitung, ein wöchentliches Magazin, das Start-Up newsy.com (von dem ich ja schon berichtet habe) oder eine internationale Journalismuszeitschrift. Die Kurse setzen sich dann aus Vorlesung und Newsroom-Arbeitszeit zusammen. Das ist schon quasi wie ein Volontariat.

Kurz gefasst: Mein erstes Semester mit Vorlesungen, das zweite mit Praxis. Das hat übrigens auch damit zu tun, dass ich mich im zweiten Semester wohl mit dem Englisch weitaus leichter tun werde, als es momentan der Fall ist. Und das ist für journalistisches Arbeiten ja auch verdammt wichtig.

Liebe Grüße!

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